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Warum Antibiotika-Resistenzen zunehmen

Antibiotika helfen bei Infektionen. Doch durch den häufigen Gebrauch in Kliniken und Tierhaltung wirken sie immer schlechter gegen bestimmte Bakterien. Über Gründe und Folgen
von Dr. Reinhard Door, 27.12.2016

Der Colistin-Gebrauch in der Tierzucht kann Resistenzen fördern

Ullstein Bild/Axel Springer Syndication GmbH/CARO / Michael Ruff

Der Fall hätte tragisch enden können. Der Patient litt an einer Wundinfektion, verursacht durch Erreger, die sich normalerweise gut mit Antibiotika beherrschen lassen. Gleich vier Klassen dieser Wirkstoffe vernichten die Bakteriensaat gründlich – eigentlich. Doch bei dem Mann aus Hamburg versagten sie alle. Die letzte Hoffnung: eine Notfallkombination aus weniger guten und nur selten eingesetzten Antibiotika.

Doch die Infektion sprach auch auf deren wichtigsten Bestandteil nicht an, den Wirkstoff Colistin. Zum Glück griffen zwei andere Substanzen aus der Notkombination. Sie retteten dem Patienten das Leben. "Das ist gerade noch mal gut gegangen", sagt Dr. Can Imirzalioglu, Wissenschaftler am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) und Oberarzt am Institut für Medizinische Mikrobiologie der Uniklinik Gießen. "Aber damit ist genau der Fall eingetreten, vor dem wir immer gewarnt haben."

Häufiger und falscher Antibiotika-Einsatz führt zu Resistenzen

Das Problem ist längst bekannt: Weil manche Antibiotika zu häufig eingesetzt werden, wirken sie nicht mehr, wenn sie dringend benötigt werden. Die Colistin-Resistenz ist eine neue Variante dieses Problems. Das Reservemittel kommt zum Einsatz, wenn alle anderen Antibiotika versagt haben (siehe Grafik). Bisher war dies in Deutschland noch nie bei einem Patienten der Fall. Doch als Wissenschaftler vom DZIF, dem Forschungsverbund "Reset" und der Universität Gießen eine Probenbank durchforsteten und Therapien analysierten, machten sie eine erschreckende Entdeckung: Die Bakterien, die den Hamburger Patienten krank gemacht hatten, waren resistent gegen Colistin.

Dazu, dass es so weit kommen konnte, tragen Ärzte bei, die bei ihren Verschreibungen zu wenig Sorgfalt walten lassen. Und Tierärzte, die Antibiotika zu häufig nutzen. Zwar ist der Antibiotika-Einsatz in der Landwirtschaft insgesamt rückläufig. Bei einigen Reservewirkstoffen aber hat er zugenommen, obwohl es an Warnungen nicht mangelt. So prophezeit die Weltgesundheitsorganisation bereits eine post-antibiotische Ära. Und UN-Generalsekretär Ban Ki Moon stufte die Resistenzen sogar als "fundamentale und anhaltende Gefahr für die Gesundheit der Menschen" ein.

Multiresistente Bakterien werden in Kliniken zum Problem

Hinter dem Kürzel MRGN verbergen sich multiresistente gramnegative Bakterien, die Experten derzeit besonders umtreiben. Grampositiv und gramnegativ, in diese zwei Hauptkategorien werden Bakterien eingeteilt. Sie reagieren bei einem Färbeverfahren unterschiedlich, das der Bakteriologe Hans Christian Gram erfunden hat. Und sie werden meist mit verschiedenen Antibiotika bekämpft. Bei gramnegativen Bakterien setzen Mediziner vier unterschiedliche, normalerweise sehr wirksame Substanzklassen ein. Ein gut gefüllter Köcher – der sich zu leeren beginnt.

Wirkt eine Antibiotika-Klasse nicht, kommt eine zweite zum Einsatz

W&B/Dr. Ulrike Möhle

Die wehrhaften Mikroben, die sich nicht mehr abtöten lassen, stellen vor allem in Kliniken ein großes Problem dar. 5 bis 28 Prozent beträgt dort bei gramnegativen Bakterienarten der Anteil mehrfach resistenter Keime. Und ein noch kleiner, aber wachsender Anteil von ihnen, das zeigen Daten des Robert-Koch-Instituts, lässt sich mittlerweile mit keiner der vier gängigen Antbiotika-Klassen mehr eliminieren.

Colistin: Unverzichtbares Reserve-Antibiotikum bei Infektionen

Alles geht gut, solange die widerstandsfähigen Keime unauffällig bleiben. Doch jede Infektion kann schnell bedrohlich werden. "Hat der betroffene Patient zusätzlich eine schlechte Nierenfunktion, muss er künstlich beatmet werden, oder leidet er an einer Sepsis, kommen wir leider oft an unsere medizinischen Grenzen", sagt Dr. Christoph Lübbert, Leiter des Fachbereichs Infektions- und Tropenmedizin an der Universitätsklinik Leipzig. "Dann kann es passieren, dass uns der Patient trotz Ausschöpfung letzter Therapiereserven unter den Händen wegstirbt."

Die letzte Therapiereserve ist jene Notfallkombi, die auch der Hamburger Patient erhielt. Der Mix ist jedoch nicht gut untersucht, und jedes einzelne der verwendeten Mittel wirkt nicht besonders stark oder hat gravierende Nebenwirkungen. Colistin als wichtigster Bestandteil etwa kann die Nieren schädigen und Sprach- oder Sehstörungen verursachen. Bis vor wenigen Jahren wandten Ärzte die über 50 Jahre alte Substanz deshalb nur selten und dann auch nur lokal an. Seit 2012 wird Colistin notgedrungen wieder in die Venen verabreicht. Die WHO hat es in die Liste der bei Menschen unverzichtbaren Antibiotika aufgenommen.


Zunehmende Colistin-Resistenzen bei Nutztieren

In der Landwirtschaft zählt Colistin zu den meistverwendeten Antibiotika. Bereits zehn Prozent der Puten enthalten resistente Bakterien. Seit mindestens 2010 treten diese auch bei Hühnern, Schweinen und Rindern auf. 2014 entdeckten Forscher aus China das Unvermeidliche: dass die widerstandsfähigen Bakterien auf Menschen übertragen werden. Auch die USA und Brasilien melden Funde. Und nun Deutschland. Besonders brisant: Das für die Resistenz verantwortliche Gen ist in Plasmide integriert. Das sind DNA-Ringe, die leicht zwischen Bakterien übertragen werden. Mindestens vier entsprechende Typen gibt es bereits. Mit jedem erweitert sich das Spektrum der Mikroben, die die Resistenz übernehmen können.

Nun verlangt die europäische Arzneibehörde, den Colistin-Einsatz um zwei Drittel zu verringern. Das findet Christoph Lübbert viel zu zaghaft, er fordert ein Verbot: "Ein Medikament, das bei Menschen so dringend gebraucht wird, hat in Landwirtschaft und Tierzucht nichts zu suchen."



Bildnachweis: W&B/Dr. Ulrike Möhle, Ullstein Bild/Axel Springer Syndication GmbH/CARO / Michael Ruff

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